Gleichzeitig verstärkt diese Loyalität ihre eigene Isolation: Während fast alle anderen Mädchen im Internat bereits ihre ersten romantischen Erfahrungen gesammelt haben, ist Ivy in dieser Hinsicht vollkommen unerfahren. Da sie in der strengen, abgeschirmten Welt des Mädcheninternats aufwuchs und ihr Ziel das Noviziat ist, blieb ihr die Welt der Männer und Jungen gänzlich fremd. Wenn ihre Mitschülerinnen über Verabredungen oder Küsse flüstern, fühlt sie sich oft wie eine Beobachterin einer fremden Sprache, die sie nicht beherrscht. Diese Unschuld ist für sie jedoch kein Stolz, sondern oft eine Quelle heimlicher Verunsicherung; sie fühlt sich in der Gegenwart von Männern befangen und weiß ihre Reaktionen nicht einzuordnen, was ihre natürliche Schüchternheit noch verstärkt.
Besonders hervorstechend ist ihr ausgeprägter Gerechtigkeitssinn. Ivy verabscheut Ungerechtigkeit und das Leid anderer. Wenn sie sieht, dass jemand in Schwierigkeiten steckt oder bedroht wird, erwacht in ihr ein stiller Beschützerinstinkt. Obwohl sie sich ihrer körperlichen Unterlegenheit und ihrer Ängste schmerzlich bewusst ist, versucht sie auf ihre Weise zu helfen – sei es durch kluge Ablenkung, stille Präsenz oder indem sie sich schützend vor Schwächere stellt. Dieser Mut entspringt nicht körperlicher Kraft, sondern einer moralischen Entschlossenheit.
Halt und Stabilität findet Ivy in ihrem Glauben und ihrer Spiritualität. Die Ruhe, die sie im Gebet findet, spiegelt sich auch in ihrer künstlerischen Begabung wider. Als begabte Zeichnerin von Tieren und Pflanzen kann sie sich stundenlang in Details verlieren. Auch ihre Hobbys wie das Stricken oder das Singen im Kirchenchor zeigen ihre Liebe zur Harmonie und ihre große Geduld.
Ihre Schwächen sind oft die Kehrseite ihres Schutzbedürfnisses. Durch die jahrelangen Manipulationen ihrer Stiefmutter leidet Ivy unter einem geringen Selbstwertgefühl und der Angst, „schwierig“ zu sein. Dies macht sie in sozialen Situationen extrem schüchtern und konfliktscheu, wenn es um ihre eigenen Bedürfnisse geht. Während sie für andere eintritt, fällt es ihr schwer, sich gegen eigene Ungerechtigkeiten zu wehren. Zudem wirkt sie außerhalb der schützenden Internatsmauern oft weltfremd und leicht manipulierbar, da sie hoffnungsvoll das Gute im Menschen sucht.
Körperlich fühlt sich Ivy oft unsicher. Der obligatorische Feldhockey-Unterricht auf nassem Rasen ist für sie ein regelmäßiger Albtraum. Das schnelle, aggressive Spiel empfindet sie als chaotisch und beängstigend. Sie hält sich meist am Rand auf, immer in der Sorge, vom harten Ball getroffen zu werden. Einzig das Schwimmen bietet ihr einen Rückzugsort, da sie die Stille unter Wasser liebt. Doch auch hier meidet sie oft das Becken, da ihr der Trubel und die Enge der Umkleidekabinen mit den anderen Mädchen zu viel Stress verursachen. Sicherheit findet sie letztlich eher in der Ruhe und der feinen Motorik ihrer Hände als in der unvorhersehbaren Dynamik des Schulsports.
Ivys Verständnis der Welt ist klar und unerschütterlich durch ihren tiefen katholischen Glauben definiert. Für sie endet die Realität nicht beim Sichtbaren, doch sie zieht eine scharfe Grenze zwischen dem Heiligen und dem Unheiligen. Während Gott, die Engel und die Heiligen für sie eine lebendige Präsenz darstellen, hatte sie für die Schauermärchen der modernen Welt lange Zeit nur Verachtung übrig.
Doch selbst nachdem sie mit der Existenz von Vampiren konfrontiert wurde und nun zweifelsfrei weiß, dass sie real sind, hat sich ihre Sichtweise nicht erweicht – im Gegenteil: Die Bestätigung ihrer Existenz empfindet sie als eine tiefe Erschütterung der göttlichen Ordnung. Für Ivy sind Vampire keine neue Spezies und keine missverstandenen Geschöpfe, sondern ein lebendiger Widerspruch zur Schöpfung.
Für eine angehende Novizin wie sie sind diese Wesen eine reine Ausgeburt der Hölle und wandelnde Sakrilege, beseelt von Dämonen und jeglicher göttlichen Gnade beraubt. Jede Form von Faszination oder gar Mitgefühl für das Dunkle lehnt sie als gefährliche Versuchung ab. Dass sie nun um ihre reale Präsenz weiß, hat ihren Beschützerinstinkt und ihren Glauben nur gestählt. Alles, was das Leben aussaugt und das Licht flieht, ist für sie das personifizierte Böse, gegen das nur Gebet und fester Glaube schützen können.
Vorlieben (Was Ivy ein Lächeln schenkt)
· Die "Blaue Stunde": Die Zeit kurz vor Sonnenaufgang oder nach Sonnenuntergang, wenn das Licht in Schottland alles in ein tiefes, ruhiges Blau taucht.
· Die Wärme der Sonne und Lichtspiele auf der Haut: Das Gefühl, wenn Sonnenstrahlen durch die hohen Kirchenfenster brechen und ihre Haut erwärmen. Für sie ist das Licht der Sonne eine greifbare Kraft, die ihr Inneres zum Leuchten bringt und die Kälte der schottischen Highlands für einen Moment vertreibt. Dabei liebt sie es, die Augen zu schließen und die reine Energie der Sonne auf ihrem Gesicht zu spüren.
· Haptische Texturen: Sie liebt das Gefühl von rauem Aquarellpapier unter ihren Fingern oder die Textur von hochwertiger Schafwolle beim Stricken.
· Kirchenakustik: Nicht nur das Singen selbst, sondern das Nachhallen der Stimmen in einem großen, leeren Kirchenschiff gibt ihr ein Gefühl von Geborgenheit.
· Alte Botanik-Bücher: Sie kann Stunden damit verbringen, die filigranen Zeichnungen in alten Enzyklopädien zu studieren.
· Warme Teesorten: Klassischer Earl Grey oder Kräutertees (Pfefferminze oder Kamille), die sie an ruhige Abende im Internat erinnern.
· Regengeräusche: Das Trommeln von Regen gegen die Fensterscheiben des Internats, während sie drinnen sicher und trocken ist.
· Kleine Details der Natur: Moos, das auf alten Steinmauern wächst, die Symmetrie eines Farnblattes oder das Federkleid eines Rotkehlchens.
Abneigungen (Was Ivy Unbehagen bereitet)
· Plötzliche, laute Geräusche: Zuknallende Türen, aggressives Schreien oder das Pfeifen des Schiedsrichters beim Feldhockey lösen bei ihr sofortigen Stress aus.
· Künstliche Parfüms: Starke, aufdringliche Gerüche (wie sie oft in den Umkleidekabinen der Mädchen vorkommen) empfindet sie als einengend und kopfschmerzverursachend.
· Verschwendung: Sie hat eine tiefe Abneigung dagegen, Dinge wegzuwerfen, die man noch reparieren oder wertschätzen könnte (was gut zu ihrer Bescheidenheit passt).
· Grobheit: Sowohl physische Grobheit (Rempeln) als auch verbale Schärfe verletzen sie tief, auch wenn sie nicht selbst das Ziel ist.
· Unbeantwortete Fragen: Ungewissheit und Chaos bereiten ihr Angst. Sie braucht Struktur und klare moralische Linien.
· Lügen und Manipulation: Da sie unter der Falschheit ihrer Stiefmutter gelitten hat, reagiert sie allergisch auf Menschen, die absichtlich die Unwahrheit sagen, um anderen zu schaden.
· Zweideutige Bemerkungen: Da sie keine Erfahrung mit Flirts oder männlichen Avancen hat, verunsichern sie Komplimente oder anzügliche Witze zutiefst. Sie weiß nicht, wie sie darauf reagieren soll, und fühlt sich dann bloßgestellt.
***
***
Ivy Lebenslauf
Ivy Rowan Mackenzie wurde in Inverness geboren und verbrachte ihre ersten fünf Lebensjahre in einer Welt voller Farben und Wärme. Als Tochter des erfolgreichen Anwalts Alistair Mackenzie und der sensiblen Künstlerin Eilidh Mackenzie wuchs sie trotz des familiären Wohlstands bodenständig und liebevoll behütet auf. Doch dieser sorglose Lebensabschnitt endete abrupt, als ihre Mutter unerwartet an einem bisher unentdeckten Herzfehler starb. Dieses einschneidende Ereignis lehrte Ivy die Zerbrechlichkeit des Lebens und hinterließ eine bleibende Melancholie in ihrem Herzen.
In der Zeit danach begann eine schleichende Entfremdung. Nur ein Jahr nach dem Tod ihrer Mutter trat Sienna, eine ehrgeizige Schauspielerin, die zehn Jahre jünger als ihr Vater war, in dessen Leben. Für Sienna war Ivy eine Bedrohung für ihren neu gewonnenen Status und den Zugang zum Familienvermögen. Mit subtiler Manipulation überredete sie Ivys Vater, das Mädchen fortzuschicken.
So wurde Ivy im Alter von nur acht Jahren auf eine Prep School bei Edinburgh geschickt – weit entfernt von dem einzigen Menschen, der ihr noch Halt gab. Obwohl die Entfernung auf der Karte gering erschien, fühlte es sich für Ivy wie das Ende der Welt an.
Die Distanz wurde noch größer, als ihr Vater für seine Karriere und seine neue Frau nach London zog und Ivy in den strengen, kalten schottischen Bildungseinrichtungen zurückließ.
Ihre Jugend verbrachte Ivy schließlich in einem katholischen Mädcheninternat nahe Edinburgh. In der stillen Atmosphäre der Klostermauern und der strengen Disziplin des Gebets suchte sie nach dem Halt, den ihre Familie ihr verwehrte. Schließlich entschied sie sich, Novizin zu werden.
Doch die vermeintliche Sicherheit war trügerisch, denn das Internat wurde heimlich zum Jagdrevier von Vampiren. Über Jahre hinweg wurde Ivy nachts von Vampiren heimgesucht und gebissen. Doch jedes Mal raubte die vampirische Hypnose ihr die Erinnerung an diese Schrecken. Zurück blieb eine unerklärliche, tiefsitzende Angst vor der Dunkelheit und ein Körper, der instinktiv erzitterte, ohne dass ihr Verstand den Grund dafür verstand.
Der endgültige Bruch mit ihrer alten Welt kam an ihrem siebzehnten Geburtstag, als sie die Nachricht vom Tod ihres Vaters bei einem Segelunfall in der Karibik erhielt. Da ihre Stiefmutter Victoria laut Testament das gesamte Vermögen erbte, blieb Ivy nur ein Treuhandfonds ihrer Eltern. Dieser finanzierte zwar ihren Aufenthalt im Internat, nahm ihr jedoch bis zu ihrem 30. Lebensjahr jede finanzielle Freiheit.
Nach ihrem erfolgreichen Abschluss am Internat im Sommer 2025 stand Ivy an einer wegweisenden Kreuzung. Während ihre Mitschülerinnen Pläne für Reisen nach Europa oder Studienplätze in London schmiedeten, empfand Ivy die plötzliche Freiheit und die damit verbundene Schutzlosigkeit als bedrohlich. In dieser Zeit tiefster Verunsicherung sah sie den Gang ins Kloster nicht als Flucht, sondern als ihren einzigen wahren Halt; nur im Glauben fand sie jenen Frieden, der ihr in der Welt verwehrt blieb.
Sie entschied sich gegen das Studium und für den Eintritt in eine kleine, traditionsbewusste Gemeinschaft in den Highlands. Bevor sie jedoch offiziell zur Novizin geweiht werden konnte, begann sie ihr „Kandidatur“-Jahr – eine Phase des Übergangs, in der der Orden prüft, ob ein junges Mädchen der geistlichen Berufung gewachsen ist. Dieses Jahr verbrachte Ivy als Postulantin in einer sonderbaren Zwischenwelt: Sie lebte bereits im Rhythmus der Schwestern, pflegte den Klostergarten und vertiefte sich in ihre botanischen Zeichnungen, während sie gleichzeitig noch Aufgaben im vertrauten Internatstrakt übernahm.
Zwischen dicken Steinmauern und dem Duft von Weihrauch fühlte sie sich zum ersten Mal seit dem Tod ihrer Eltern sicher vor den Zugriffen ihrer Stiefmutter. Mit nun 19 Jahren steht Ivy unmittelbar vor ihrer feierlichen Einkleidung zur Novizin – dem Moment, in dem sie den Schleier empfangen und der Welt endgültig entsagen sollte. Doch gerade in dieser Schwellenzeit, in der sie noch im Internatstrakt schlief, um über die jüngeren Mädchen zu wachen, brachen die Schatten der Nacht über ihre sichere Zuflucht herein.
In einer dunklen Nacht drangen Vampire in die heiligen Mauern der Klosterschule ein. Ivy wurde vom Anführer der Angreifer, Conall, aus ihrer Trance gerissen und als Geisel in den Turm verschleppt. Dort traf sie zum ersten Mal auf Rafael, einen ebenfalls gefangenen Psychologen, der unter Zwang einen Brief mit dem Blut der völlig verängstigten Ivy verfassen sollte.
In diesem Moment der extremen Not bewies die junge Postulantin eine Stärke, die ihrem zierlichen Äußeren widersprach: Um Rafael vor der brutalen Gewalt Conalls zu schützen, warf sie sich mutig zwischen den Peiniger und sein Opfer. Für diesen Akt der Nächstenliebe zahlte sie einen grausamen Preis. Sie erlitt schwere Verletzungen an der Wirbelsäule und wurde vor Rafaels Augen von Conall gebissen, der sie als Machtinstrument missbrauchte, um Rafaels Willen zu brechen.
Dieses traumatische Ereignis markierte das Ende ihrer Welt, wie sie sie kannte. Ivy wurde gezwungen, Rafaels Abschiedsbrief nach Edinburgh zu überbringen – ein Botengang, der sie endgültig zur Mitwisserin und Gefangenen der dunklen Welt machte. Seitdem befindet sie sich in der Gewalt von Dmitry Morozov, dem Vampir-Sheriff, dieser sah in ihr eine Gefahr für das Geheimnis seiner Welt und sperrte sie in die unterirdischen Edinburgh Vaults ein. Sie wurde nicht durch Ketten, sondern durch Dmitrys mächtige Hypnose gefangen gehalten. Diese brach ihren Willen und hinderte sie daran, zu fliehen oder um Hilfe zu rufen. Während dieser Wochen sorgte Dmitry zwar für ihr körperliches Überleben, vermied jedoch jeglichen seelischen Kontakt, was Ivys psychischen Zustand weiter verschlechterte.
Erst Rafael, der nach seiner Genesung Nachforschungen anstellte, um sich bei seiner Retterin zu bedanken, entdeckte Ivys Verschwinden. Er fand heraus, dass sie in den Vaults gefangen war – ein Ort, den er für ein unschuldiges Mädchen als unerträglich empfand. Nach beharrlichen Verhandlungen gelang es Rafael, Dmitry zu überreden, Ivy freizulassen.
Sie wurde in Dmitrys privates Wohnhaus verlegt, wo sie nun ein eigenes Zimmer inmitten von Dmitrys Abkömmlingen und menschlichen Bediensteten bewohnt. Obwohl sie sich noch immer in einer Art Gefangenschaft befindet, hat sich ihre Lage durch Rafaels regelmäßige Besuche verbessert. Er versucht, ihre Seele mit Gesprächen, kleinen Gesten und therapeutischen Ansätzen zu heilen, während sie versucht, in dieser neuen, gefährlichen Realität zu überleben.
Sie ist keine Kriegerin und keine Heldin, sondern ein junger Mensch, der zu viel gesehen hat – ein typischer Fall von „am falschen Ort zur falschen Zeit“. Ihr Zweitname „Rowan” – die Eberesche, die der Legende nach vor dem Bösen schützen soll – steht für die bittere Ironie ihrer Existenz.
Avatar: Barbara Palvin




