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„Was mich allerdings neugierig macht: War es wirklich nur unser Gespräch, das mich verraten hat, oder habe ich mich irgendwann so klischeehaft benommen, dass eigentlich nur noch die Couch gefehlt hat?“
Bei dessen Bemerkung über seinen Hintern hob Rafael nur leicht eine Braue. „Dann hoffe ich wohl, dass meine Klienten ihre Aufmerksamkeit auf die richtigen Dinge richten“, erwiderte er humorvoll.
Sein Blick wanderte abwesend durch das Büro, blieb an den Ecken hängen und verlor sich für einen Moment in Erinnerungen, die längst ihren Schrecken hätten verlieren sollen.
„Sehe ich jetzt seriös genug aus, um Leute davon zu überzeugen, dass ich ihre Probleme im Schlaf löse – oder wirke ich eher so, als würde ich gleich meine eigene Kanzlei eröffnen?“
„Deine Anwesenheit bedeutet mir viel, inmitten all dieser Unordnung.” Er strich sich durchs Haar – eine flüchtige Geste, die mehr preisgab, als er wohl ahnte.
„Du hast dir also schon eine Beschäftigung gefunden,” (...) Seine Mundwinkel zuckten kaum merklich. „Nur hätte ich nicht erwartet, dich als Notarzt vorzufinden.”
Es war dieser lautlose Augenblick, in dem sich die Wirklichkeit vor ihm ordnete und alles, was er sich vielleicht anders vorgestellt hatte, in sich zusammenbrach. Verdammt, Dima. Seine Definition von Fürsorge war… ausbaufähig.
Farblos und ausgelaugt wirkte ihr Körper, und als ein Hustenanfall die Stille zerriss, bäumte sie sich auf, nur um gleich wieder in sich zusammenzusinken, als wäre selbst das Atmen eine Last(...) Verdammt, Dima. Seine Definition von Fürsorge war… ausbaufähig.
Manche verließen sich auf Routinen, andere auf Glück – Rafael verließ sich auf Koffein.
Das Problem waren die anderen. Jene, die wussten, dass diese Welt… nun ja, alles andere als ein idyllischer Ponyhof war. Eher das Gegenteil – nur ohne Zäune, ohne Aufsicht und definitiv ohne freundliche Streicheltiere.
Ein leises, gutmütiges Auflachen entwich ihm. Offenbar hatte er sich soeben freiwillig auf einen Tanz eingelassen … mit einer jungen Frau … im Wasser.
„Ich arbeite als Psychologe,“ fuhr er fort, „das heißt, ich verbringe meine Tage damit, Menschen dabei zuzusehen, wie sie versuchen, sich selbst zu erklären… und manchmal sogar dabei helfe, dass es ihnen gelingt.“
„Absolut“, entgegnete er. „Stell dir vor, man lebt Jahrzehnte, sammelt Erfahrungen, Fehler, Narben – und darf am Ende nichts Kluges dazu sagen.“ Ein kurzes, leichtes Auflachen folgte, ungezwungen und ehrlich. „Das wäre ja beinahe verantwortungslos.“
„Anemonenfische also,“ meinte er trocken, die Braue leicht gehoben. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich eines Tages erfahre, dass sich hinter dem wohl meistgefürchteten Vampir der Stadt ein erstaunlich gut informierter Disney-Experte verbirgt.“
Seine Welt hatte sich in den letzten Tagen ohnehin drastisch erweitert, aber langsam fragte er sich ernsthaft, ob irgendwann noch ein Hobbit durch die Tür spazieren würde und um Tee bitten wollte.
Er hielt Blains Blick ohne jede sichtbare Regung, während sich in ihm eine nüchterne Klarheit ausbreitete. Die beiden waren wirklich auf der Suche nach Vampiren.
„Ich glaube nicht, dass man eine Seele verlieren kann,“ sagte Rafael leise. „Sie kann schweigen, ja. Sich verbergen, müde werden von allem, was sie tragen musste. Aber sie bleibt. In jedem von uns. Auch in dir.“
Irgendwie bekam hier jeder alles mit – die Villa hatte ein erstaunlich effizientes Informationssystem, das vermutlich selbst Gerüchte aus dem Jenseits verwaltete.
Er musste etwas finden. Irgendetwas. Ein Werkzeug, eine Waffe, einen verdammten Wunderstab. Mit zitternden Fingern riss er das Handschuhfach auf. Und erstarrte. Ein neonpinker Tanga grinste ihn an. Zart, spitzenbesetzt, unübersehbar. Eine Trophäe von Dimas letzter Eroberung? Ein Notfallaccessoire? Rafael blinzelte, sprachlos. „Na, herzlichen Glückwunsch, Dima“, murmelte er trocken.
Sich Schwäche anmerken zu lassen, war für ihn eine Gefahr. Ein Riss in der Oberfläche, den andere nutzen konnten – oder schlimmer: ein Spiegel, der ihm zeigte, wie wenig Einfluss er auf das hatte, was in seinem Inneren gährte.
„Möglicherweise wirkt es auch nur so, dass er dir nichts zutraut, denn letzten Endes ist er eben doch nur eine Art Vater – auch wenn er es manchmal schafft, wie ein geheimnisvoller, sturer Zauberer zu wirken, der seine Sorgen hinter einer Mauer aus Misstrauen versteckt. "
Es war keine aufgesetzte Geduld, kein beruflich antrainiertes Nicken; er ließ andere wirklich sprechen. Nahm ihre Sätze auf wie jemand, der nicht nur das Gesagte, sondern auch das Ungesagte verstand.
„Hast du mit Dima schon darüber geredet?" Okay - mit Dima zu reden war nicht immer einfach. „Ich weiß, tiefgründig mit Dima reden ist nicht immer eine einfache Sache – fast so, als müsste man gleichzeitig Schach spielen, einen Drachen zähmen und dabei versuchen, ihm noch eine Tasse Tee anzubieten." Er schüttelte sacht den Kopf und musste etwas lachen.
„Eine glorreiche Erfindung – wenn man gleichzeitig seinen Cholesterinspiegel herausfordern möchte.“ Amüsement schwang in seiner Stimme mit. Es war nicht so, dass er sich zu schade für Genussmomente hielt – aber ein Marsriegel, der in Teig gehüllt, frittiert und wohlmöglich noch mit Puderzucker bestäubt wurde, fühlte sich für ihn weniger wie ein Snack, mehr wie ein Angriff auf den Magen an.
„Hast du mir nun alles um die Ohren gehauen, was dir auf der Seele brennt?“ fragte er mit einer Mischung aus trockener Neugier.
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